kurz erklärt
Cognitive Surplus
Der Überschuss an freier Zeit und Denkfähigkeit, aus dem Wikipedia entstand — er brauchte Beteiligung, die KI heute überflüssig macht.
Clay Shirky legte 2010 zwei Zahlen nebeneinander: In den USA werden jährlich rund 200 Milliarden Stunden ferngesehen. Wikipedia hat in seiner gesamten Geschichte etwa 100 Millionen Stunden Freiwilligenarbeit gekostet — ein Bruchteil eines einzigen Fernsehjahres. Seine Frage war nicht, ob Menschen Zeit haben, sondern was geschieht, wenn Medien sie beteiligen statt beschallen.
Der Überschuss war immer da, nur gebunden. Das Fernsehen absorbierte ihn jahrzehntelang, weil es keine Rückrichtung kannte. Was sich änderte, war nicht die verfügbare Zeit, sondern die Möglichkeit, etwas damit anzufangen — und aus dieser Möglichkeit entstanden Wikipedia, Open Source, OpenStreetMap, Citizen Science.
Entscheidend daran: Der Überschuss musste aktiviert werden. Das Mitmachen war nicht Mittel zum Ergebnis, es war die Sache selbst.
Genau diese Bedingung ist weggefallen. Der heutige Überfluss verlangt keine Beteiligung mehr — er wird geliefert. Das Ergebnis mag vergleichbar aussehen, der Mechanismus ist ein anderer: Wer ein Modell fragt, beteiligt sich nicht, er bestellt. Damit verschwindet, was Shirkys Überschuss trug — nicht das Ergebnis, sondern die Tatsache, dass viele gemeinsam an etwas gearbeitet haben.
Für Open Innovation ist das der unbequeme Teil, weil sie auf der Annahme gebaut ist, dass Beteiligung Wert erzeugt. Der Überschuss selbst ist übrigens nicht verschwunden: Er wird gerade ein zweites Mal frei, weil Maschinen Denkarbeit übernehmen. Offen ist nur, wohin er diesmal fließt.