kurz erklärt
Benevolent Dictator
Führungsmodell an der Spitze vieler Meritokratien: Eine Person behält das letzte Wort, nutzt es aber nur, wenn nötig, und im Sinne des Gesamtziels.
Der Titel entstand 1995 als Scherz in einer E-Mail rund um die Programmiersprache Python und galt ihrem Erfinder Guido van Rossum, voll ausgeschrieben als Benevolent Dictator For Life. Eric Raymond machte die kürzere Form 1999 in seinem Essay „Homesteading the Noosphere“ zum Begriff für ein ganzes Führungsmodell. Linus Torvalds steht bis heute dafür.
Wohlwollend ist der Diktator nicht aus Charakter, sondern aus Struktur. Karl Fogel beschreibt in „Producing Open Source Software“ einen Herrscher, dessen Untertanen jederzeit sein ganzes Territorium kopieren und in die Kopie umziehen können. Zum Forking kommt es selten, aber die Möglichkeit prägt das Miteinander. Jeder könnte mit einer Kopie seinen eigenen Weg gehen, und gerade deshalb bleiben Entscheidungen offen für Diskussion. Erfolgreiche Diktatoren, so Fogel, entscheiden wenig selbst und lassen Diskussion und Experiment den Vortritt.
Die Schwäche des Modells ist die eine Person. 2018 trat van Rossum nach einem Streit um die Sprache zurück, ohne Nachfolger. Python wählte stattdessen einen fünfköpfigen Lenkungsrat. Bei dessen erster Wahl 2019 bekam van Rossum die meisten Stimmen. Das Amt war abgeschafft, das Vertrauen in die Person nicht.
Wohin KI das Modell trägt, ist schwer abzusehen. Code lässt sich inzwischen fast umsonst herstellen, bis hin zum Fork eines ganzen Projekts. Was sich nicht vervielfältigen lässt, ist das Urteil darüber, was hineingehört, und das Vertrauen, das Menschen einander dafür aussprechen. Davon lebte der Benevolent Dictator schon immer, und davon lebt inzwischen auch die Meritokratie, seit ihre Projekte Bürgschaften verlangen. Den Unterschied macht die menschliche Kuration, nicht der Code.