kurz erklärt
Wissensinflation
Wissen verliert nicht an Wert, es wird inflationär verfügbar. Mit dem Verschwinden der Wissensasymmetrie wird Urteilsfähigkeit zur harten Währung.
Inflation heißt: Die Menge steigt, der Wert je Einheit fällt. Beim Wissen war die Knappheit des Zugangs die Deckung. Wer etwas wusste, das andere nicht wussten, hatte einen Vorsprung — Ärztinnen, Anwälte, Lehrende, Beratende haben ihre Stellung daraus abgeleitet. Dieser Vorsprung geht gegen null, seit jede Frage jederzeit beantwortet wird.
Damit ist etwas anderes gemeint als Informationsüberflutung oder Wissensexplosion. Die beschreiben seit den Siebzigern die Menge, und Menge allein entwertet nichts. Neu ist, dass der Abruf nichts mehr kostet: keine Bibliothek, keine Sprechstunde, keine Wartezeit. Was nichts kostet, verschafft auch keinen Vorsprung mehr.
Wenn eine Währung entwertet wird, weicht man auf eine andere aus.
Die neue Währung ist das Urteil. Den Vorsprung hat, wer einschätzen kann, was da zurückkommt — ob die Antwort zur Frage passt, ob die Quelle trägt, ob überhaupt die richtige Frage gestellt war. Die Wissensasymmetrie verschwindet damit, die Asymmetrie selbst nicht: Sie wandert eine Ebene höher. Wer keinen Zugang hatte, merkte es sofort. Wer kein Urteil hat, merkt es auch — nur nicht an der einzelnen Antwort, sondern erst an ihren Folgen.
Für Organisationen ist das der teure Teil: Wo Ergebnisse übernommen werden, die niemand mehr beurteilen kann, entstehen Kognitive Schulden. Der Maßstab fehlt, und ohne Maßstab lassen sich Größen weiterhin benennen — nur eben falsch.